Der Klimawandel stellt für Akteure der humanitären Hilfe eine doppel- te Herausforderung dar. Er wird voraussichtlich zu einem raschen Anstieg des weltweiten Bedarfs an humanitärer Hilfe und Schutzmaß- nahmen führen, gleichzeitig jedoch auch die Bereitstellung von Hilfe verteuern und die verfügbaren Ressourcen verringern. Expert*innen schätzen, dass bis zum Jahr 2050 bis zu 200 Millionen Menschen aufgrund von klima- bedingten Katastrophen auf humanitäre Hilfe angewiesen sein könnten, was die Kosten von derzeit 20 Milliarden US$ auf 29 Milliarden US$ ansteigen lassen würde. Diese klima- bedingten Belastungen verschärfen das bestehende Problem stagnierender Hilfsbudgets und schwindender öffentlicher Unterstützung für internationale Hilfe.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, setzt die humanitäre Gemeinschaft darauf, dass Hilfe frühzeitiger und vorausschauender geleistet wird. Viele Organisationen testen und entwickeln Ansätze, die es ihnen ermöglichen, Hilfe bereitzustellen, bevor eine Krise entsteht (und nicht während oder unmittelbar danach). In diesem Paper werden die ethischen und politischen Auswirkungen dieser „antizipativen Wende“ in der internationalen humanitären Hilfe analysiert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf vorrausschauender oder antizipativer humanitärer Hilfe (Anticipatory Action - AA), die im Voraus vereinbarte Maßnahmen, Trigger/Schwellen- werte und Entscheidungsregeln nutzt, um bereits im Vorfeld einer vorhergesagten Gefahrenlage zu handeln und dadurch deren akute humanitäre Auswirkungen zu verhindern oder zu verringern.